Organspende

Unsere Position zum Thema Organspende


Derzeit warten mehr als 9.000 Menschen in Deutschland auf ein Spenderorgan. Nur 955 Menschen wurden im vergangenen Jahr Organe entnommen. Angesichts dessen verwundert es nicht, dass täglich durchschnittlich drei Menschen auf der Warteliste versterben.
Mit nur etwas mehr als 9 Spendern pro eine Million Einwohnern ist die Zahl der Organspender in der Bundesrepublik inzwischen so niedrig, dass die Mitgliedschaft im Eurotransplant-Verbund gefährdet ist. Die Stiftung Eurotransplant, verantwortlich für die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen Ländern, setzt zehn Spender pro Million Einwohner voraus, um einem Land ein „ernst zu nehmendes Organspendesystem“ zu attestieren.
Eine Parlamentariergruppe um Gesundheitsminister Spahn hat nun einen Gesetzesentwurf zu einer doppelten Widerspruchslösung vorgelegt, mit dem eine Erhöhung der Organspenderzahlen erreicht werden soll. Demnach ist jeder, der zu Lebzeiten nicht ausdrücklich einer Organentnahme widersprochen hat, nach seinem Hirntod als Spender registriert. Zusätzlich muss vor der Organentnahme bei den Angehörigen geklärt werden, ob ein explizit geäußerter oder mutmaßlicher Wille gegen die Entnahme besteht.
Dass eine Widerspruchsregelung eine Erhöhung der Spenderzahlen bewirkt, zeigt ein Blick in die Länder, die eine solche Regelung eingeführt haben: In Belgien spenden je Million Einwohner im Schnitt 30,6 Menschen, in Kroatien 31,8 und in Spanien sogar 46,9.
Und auch der Nationale Ethikrat hat bereits 2007 dafür plädiert, eine Widerspruchslösung einzuführen. Das wichtigste Argument für eine solche Regelung war damals: Jeder Mensch ist anderen Menschen gegenüber, die sich in einer schweren Notlage befinden, zur Hilfe verpflichtet, sofern diese für ihn selbst keine gravierenden Nachteile mit sich bringt. Menschen, die ein Spenderorgan brauchen, um weiterleben zu können, befinden sich zweifellos in einer schweren Notlage, während Verstorbene, die diesen Menschen ihre Organe zur Verfügung stellen, keine gravierenden Nachteile mehr erleiden.

Dass in dieser sensiblen Frage die Haltung des Ethikrates bis heute aber nicht einheitlich ist, zeigen die jüngsten Äußerungen seines Vorsitzenden Peter Dabrock, die er aber explizit in eigener Sache getätigt hat. Dabrock hält eine Widerspruchslösung für unnötig und schädlich, weil er ihr zum einen keine Steigerung der Effizienz bei der Organgewinnung zutraut, wohl aber einen weiteren Vertrauensverlust in das System der Organtransplantation, wie es in Deutschland aufgestellt ist, befürchtet.

In der Tat muss die geringe Zahl der Organspenden bei gleichzeitig hoher Spendenbereitschaft irritieren: Gut 80% der Menschen in Deutschland sind bereit, Organe nach ihrem Tod zu spenden. Dass dagegen nur etwas mehr 30% wirklich einen Organspendeausweis besitzen, zeigt, dass es weniger ein Problem mit der Bereitschaft zur Spende als mit der Erfassung und Organisation dieser Bereitschaft gibt. Das hat wohl in erster Linie systemische Gründe, die mit weitreichenden Eingriffen in das Selbstbestimmungsrecht, wie es die Widerspruchslösung fraglos darstellt, wohl kaum zu beheben sein werden.

Wir Neue Liberale begrüßen daher, dass ab dem 01.04.2019 verbindliche Freistellungsregelungen für Transplantationsbeauftragte geschaffen und finanziert und Organentnahmen höher vergütet werden. Darüber hinaus plädieren wir für eine regelmäßige verbindliche Abfrage in Kombination mit einem Aufklärungs- und Beratungssystem, das geeignet ist, das Vertrauen in das Transplantationssystem zu erhöhen. Dann werden, so sind wir überzeugt, auch die Spenderzahlen steigen.